Was ist Bioenergetische Analyse?

 

Der Körper vergisst nicht.

Bessel van der Kolk

Zur Geschichte

Die Bioenergetische Analyse ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das den Körper der Klientinnen und Klienten in die gesprächstherapeutische Arbeit mit einbezieht. Sie orientiert sich an der klassischen Psychoanalyse. Hier hat sie ihren Ursprung. Es war Wilhelm Reich (1897-1957), ein Schüler Sigmund Freuds, der beobachtete, dass sich alle seelischen Konflikte und Verletzungen  auch körperlich ausdrücken. Wenn die zugehörigen Gefühle nicht gelebt werden können, bleiben sie im Körper "gespeichert". Sie führen zu chronischen Verspannungen und muskulären Panzerungen, die die Körperstruktur prägen. Sie prägen nicht nur unseren Körper in seinen Haltungen, sondern formen auch unseren Charakter mit.

Alexander Lowen (1910-2008) führte den Ansatz Reichs seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts weiter und entwickelte das Konzept der Bioenergetischen Analyse. Dabei geht es darum, durch Körperarbeit, durch das analytische Gespräch, durch Traumarbeit und durch die therapeutische Beziehung Lebensenergie freizusetzen, Gefühle zum Fließen zu bringen und zu neuer Lebendigkeit zu finden. Der Körper hilft der Seele zu heilen. Es ist "Therapie der Seele durch Arbeit mit dem Körper". So lautet der Untertitel des Buches von Alexander Lowen, Bioenergetik.

Neuere Forschung im Bereich der Neurobiologie und der Säuglingsforschung bestätigen, dass Psychotherapie in ihrer Wechselwirkung zwischen Körper, Seele und Geist verstanden werden muss. Der Hirnforscher und Psychotherapeut Joachim Bauer formuliert das so: "Da alles, was wir geistig tun, seelisch fühlen und in Beziehungen gestalten, seinen Niederschlag in körperlichen Strukturen findet, macht eine Medizin für 'Körper ohne Seelen' ebenso wenig Sinn wie eine Psychologie für 'Seelen ohne Körper'." (Joachim Bauer: Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern, Frankfurt/M. 18. Auflage 2011, S. 8)

Die Bioenergetische Analyse verfügt heute über jahrzehntelange klinische Erfahrungen mit der Regulation von Affekten und dem Freisetzen von verdrängten, vermiedenen Gefühlen und körperlichen Blockierungen. Ziel ist es, die Selbstregulation sowohl auf der psychischen als auch auf der muskulären und vegetativen Ebene wieder in Fluss zu bringen. Durch ihre besondere Methodik und ihren unmittelbaren sinnlichen Zugang zu Körper und Seele eröffnet sie eine Dimension, die einen grossen Beitrag zur psychosomatischen Gesundheit leisten kann. Aktuell integrieren die meisten Bioenergetischen Analytiker und Analytikerinnen weitere therapeutische Ansätze wie z.B. imaginative oder systemische Verfahren.

 

Ressourcenorientierung

Die Bioenergetik ist ein resilienz- und ressourcenorientiertes Verfahren. Sie zielt darauf, die Selbstheilungskräfte zu fördern und zu stärken. Zugleich ist sie analytisch orientiert und mit ihrer Frage nach den Ursachen vergleichbar mit psychoanalytischer Behandlung. Hinzu kommen körpertherapeutische Interventionen, zu denen Körperübungen und auch Berührungen zwischen Klient*in und Therapeut*in gehören können [1]. Dazu Alexander Lowen: „Wenn ein Patient sich bei der Therapie in seine Vergangenheit zurückarbeitet, deckt er die ursprünglichen Konflikte auf und findet neue Wege zur Bewältigung der lebensleugnenden und lebensbedrohenden Situationen, die ihn zwangen, sich zu ‚panzern’, um überleben zu können.  (...) Man kann nur dann in der Gegenwart wachsen, wenn man die Vergangenheit wieder lebendig macht. Wenn die Vergangenheit abgetrennt wird, kann es auch keine Zukunft geben. (...) Und die Vergangenheit eines Menschen ist sein Körper.“ (Alexander Lowen: Bioenergetik. Therapie der Seele durch Arbeit mit dem Körper, Hamburg 2009, 32f.)

 

Atmung, Erdung und Charakterstruktur

Die Atmung spielt als Schlüssel zur Gefühlswelt und zum Energiestoffwechsel des Körpers eine zentrale Rolle. Emotionale Blockaden lassen den Atem flach werden. Alltagssprache benennt solche Phänomene körpersprachlich: Wir halten vor Schreck den Atem an. Uns bleibt die Luft weg. Der Atem stockt usw. Alexander Lowen schreibt dazu: „Die unzureichende Atmung ist kein bewusstes Phänomen, sondern das Ergebnis chronischer Muskelverspannungen, die die Atmungsbewegungen des Körpers behindern. Solche Verspannungen treten in den Kiefermuskeln, den Hals- und Schultermuskeln (Atemhilfsmuskeln), den Muskeln des Brustkorbs und der oberen Rückenpartie sowie in den Bauch- und Beckenmuskeln auf, und sie sind das Resultat emotionaler Konflikte, die bis in die Kindheit zurückreichen können und Impulse blockieren oder kontrollieren sollen, die man nicht akzeptieren, mit denen man sich nicht auseinandersetzen will.“ (Lowen 2009, 11)

Körperliche Haltemuster bilden die sogenannten Charakterstrukturen aus. Das heißt: Die Persönlichkeit eines Menschen zeigt sich auch in seiner Körperhaltung und in körperlichen Reaktionen inklusive der Funktionen innerer Organe. Auch hier weiß Alltagssprache schon lange um den Zusammenhang von körperlichen und seelischen Vorgängen. Jemand steht mit beiden Beinen auf den Boden der Tatsache, ist also – bioenergetisch gesprochen – gut geerdet. Oder jemand wirkt abgehoben. Das Herz bleibt stehen. Jemand hat ein weites (oder großes) Herz. Es bleibt einem die Spucke weg (als Reaktion auf Überraschung oder Schock lässt sich das heute biologisch gut erklären). Jemandem fällt das Gesicht herunter oder verliert es (als Reaktion auf einen Schock sorgen neurobiologische Reaktionen für eine Erstarrung der Gesichtsmuskeln). Es sitzt die Angst im Nacken. Jemand ist gebeugt vor Gram. Tränen stecken im Hals. Es wird eng in der Brust. Wir haben Bauchgefühle usw.

Die lebensgeschichtliche Vielfalt der individuellen Erfahrungen und die Verschiedenartigkeit der dabei entstandenen Verspannungs- und Atemmuster finden in der jeweiligen Charakterstruktur ihren psychischen Ausdruck. Diese Charakterstrukturen beschreiben nicht nur die Schwierigkeiten und Behinderungen, die durch traumatische Erfahrungen entstehen können, sondern auch die positiven Qualitäten einer Persönlichkeit die auf diese Weise entwickelt und gefördert werden.

 

Bioenergetische Körperübungen

Viele bioenergetischen Übungen sind auch in anderen Feldern der Körperarbeit bekannt, z.B. Yoga, Feldenkrais, Tai Chi, Qigong, Stimmbildung, Rhetorik oder Physiotherapie; überall, wo es um Körpergewahrsam, Achtsamkeit, Bewegen und Entspannen geht. Viele Übungen widmen sich dem Atmen, häufig unterstützt durch Bewegungen, die synchron mit dem Atem gehen. Einen besonderen Stellenwert haben Grounding-Übungen, also Übungen, um sich fest zu erden, mit den Füßen sicheren Grund und Halt zu finden. Viele Übungen dienen dem Dehnen und Sich-Weiten, äußerlich und – als Folge davon – auch innerlich.

Das Besondere an den bioenergetischen Übungen ist, dass einige auch auf den Gefühlsausdruck zielen. Denn Gefühle kommen oft nicht einfach von selbst heraus. Versuchsweise energisch sein oder aus sich herausgehen, laut schreien oder lachen, auf einen Schaumstoffblock schlagen oder aufstampfen, um die Wut zu locken oder das befreiende Weinen, die eigene Weite fühlen und Freude einladen. Was zuerst mechanisch geschieht, kann vielleicht doch auch emotional werden. Das heißt: Es kann von innen das Gefühl kommen, das zum Körperausdruck passt. Viele Übungen widmen sich dem Selbstgewahrwerden, also der Beobachtung dessen, was körperlich empfunden wird und wie sich dies mit Fühlen und Denken verknüpft.

Alle Körperübungen dienen dazu, muskuläre Panzerungen zu lockern und Zugang zu gehaltenen Emotionen zu eröffnen. Spannungen lösen sich oft nicht einfach durch die Aufforderung: „Nun entspann dich doch!“ oder: „Du musst einfach nur loslassen.“ Darum werden in der Bioenergetik manche Übungen lange und oft auch langsam (slow motion) ausgeführt, um die Muskeln, v.a. in den Beinen dazu zu bringen, sich zu lösen und zu vibrieren. Dazu gehört ebenso stimmlicher Ausdruck, um sich zu entlasten und zu entladen. Das Spezielle in der Bioenergetik und den von ihr abgeleiteten Schulen wie Somatic Experience (Peter Levine) ist die Förderung der Lebendigkeit von Körper und Seele durch Vibrationen, die auch gelegentlich „neurogenes Zittern“ genannt werden. Ihre stressreduzierende und ggf. traumalösende Wirkung ist inzwischen neurologisch nachgewiesen und wird durch entsprechende Übungsfolgen bewirkt. (Dazu gehören z.B. die Trauma Release Exercises von David Bercelli.) Wenn ein Körper zur Lebendigkeit verlockt wird, kann es sein, dass sich nicht nur schöne Emotionen lösen, sondern auch solche, die wir als negativ empfinden wie z.B. Wut oder Trauer. Aber Tränen oder gefühlte Wut im geschützten Rahmen sind hilfreicher als das Nicht-Fühlen. Dabei wird nichts „gepusht“, keine Abwehrmechanismen werden manipulativ durchbrochen. Widerstände werden vielmehr nach ihrem Sinn und ihrer Aufgabe befragt. Denn niemand hat Gefühle ohne Grund eingeschlossen. Dazu brauchen bioenergetische Übungen eine sichere, haltende (containment) und liebevolle Umgebung, die nichts von einem erwartet und wo niemand irgendetwas muss. Der Körper mit seinen Bewegungen und Vibrationen kann auf diese Weise helfen, auch negative Gefühle willkommen zu heißen als wichtige Botschaften des Unbewussten. Sie sind wertvoll für die verbale Verarbeitung. Bioenergetische Analyse ist eben auch Gesprächspsychotherapie.

Weitere Informationen im Downloadbereich.

© Doris Joachim-Storch

 

 

 

 

[1] Die Berührung geschieht allein im therapeutischen Rahmen, in der Regel nicht gleich zu Beginn und nur, wenn von Klienten oder Klientin gewollt. So sehr die „Abstinenzregel“ auch für die Bioenergetik gilt, unterscheidet sie sich an dieser Stelle wesentlich von der Psychoanalyse. Lowen schreibt dazu: „Die Berührung eines Therapeuten muss warm, freundlich, vertrauenerweckend und frei von jedem persönlichen Interesse sein.“ Wenn er das nicht kann, „sollte er den Patienten nicht berühren“ (Lowen 2009, 98).