Körper & Sprache

Oder: Wie das Konzept der Bioenergetische Analyse im nicht-therapeutischen Raum fruchtbar gemacht werden kann.

Von Doris Joachim-Storch

Im Hauptberuf bilde ich Pfarrerinnen und Pfarrer fort, damit sie eine Sprache finden, die berührt und bewegt. Ich selbst bin seit 1990 evangelische Pfarrerin und seit 2015 bioenergetisch-analytische Therapeutin. Beide Berufe verbinde ich miteinander: Öffentliches Sprechen im Gottesdienst und körperorientierte Selbsterfahrung durch bioenergetische Zugänge. Die Arbeit an der eigenen Person in ihrer körperlichen und seelischen Existenz verschränkt sich mit der Arbeit an konkreten Texten. Was da in Gottesdiensten passiert, ist ja eine spannende Sache, auch körperlich. Texte – Worte – Gesten – Rituale – das alles kommt zur Aufführung, und es entstehen Resonanzräume, die gelingen oder eben auch kalt und leer bleiben. Ich habe zu spielen begonnen – bioenergetisch, imaginativ, rhetorisch bis auf die Ebene der reinen Grammatik. Da tanzen Pfarrerinnen und Pfarrer auch mal durch den Raum, atmen Texte, gehen innerlich in Bibelworten spazieren und drücken das auch körperlich aus. Im letzten Jahr habe ich das zusammengeschrieben und in ein Konzept gebracht: Körperorientierte Spracharbeit in Predigt- und Liturgiedidaktik. Dieses Konzept habe ich dann im Oktober 2016 beim Kollegialen Wochenende der SGfBA vorgestellt. Wie immer tue ich das induktiv. Das heißt wir reden nicht lange theoretisch über ein Konzept, sondern wenden es an. Da geht der Weg von der Erfahrung zur Reflexion, vom Körper und von inneren Bildern zum Wort. Mit anderen Worten: Unsere bioenergetischen Therapeutinnen und Therapeuten sollten Texte machen.

Es war eine herausfordernde Aufgabe für mich, nun nicht an religiösen Texten zu arbeiten, sondern an elementaren Worten, die die Wirkung der Bioenergetischen Analyse beschreiben sollen. Die Vorübungen sind jedoch dieselben wie bei den Pfarrerinnen und Pfarrern: Grounding, Atmung, Selbstwahrnehmung, Expression, Kontakt. Wie immer ist es spannend eine einfache Atemübung in Paaren und mit Blickkontakt zu machen. Im Kreis stehen – mit dem/der gegenüberstehenden Partner/Partnerin Kontakt aufnehmen – mit der Einatmung die Arme von vorne nach oben führen, mit der Ausatmung die Arme seitlich herunterführen, wie an einer imaginativen Baumkrone von innen entlang. Wie geht das: Bei sich bleiben und sich selbst spüren und gleichzeitig in Kontakt mit der anderen Person sein? Und dann nimmt man im Augenwinkel ja immer auch noch die anderen wahr. Solche verschiedenen Wahrnehmungsebenen begegnen jedem, der vor einer Gruppe sprechen muss, egal ob Pfarrer, Lehrerinnen, Betriebsrat oder Therapeutin. 

Das haben wir dann mit ganz einfachen Worten geübt – Name, Beruf, Wohnort. Und dann genau hingeschaut: Wie mache ich das? Wie trete ich vor eine Gruppe? Wie viele Schritte brauche ich dafür? Wie stehe ich da? Wie nehme ich Blickkontakt auf? Wie atme ich? Wann beginne ich zu sprechen? Wie lange sind eigentlich die Pausen zwischen den Sätzen? Was machen meine Augen, während ich spreche?  Meine Hände? Dies alles hat mit meiner eigenen Befindlichkeit und Charakterstruktur zu tun und äußert sich nonverbal in Körperhaltung und Stimme. Das haben wir also gemacht, Feedback gegeben und bekommen und viel gelacht. Ich habe ein wenig gecoacht und ein paar Tricks aus der Rhetorik weitergegeben.

In körperorientierter Spracharbeit geht es auch um Inhalte, also um die Frage: Wie kriege ich das so hin, dass es berührt und bewegt? Ausgehend von einer eigenen Erfahrung in der Vergangenheit sollten Texte entstehen. Dazu habe ich imaginativ in eine frühere therapeutische Sitzung geführt. Jeder und jede sollte sich an eine Sitzung als Klient oder Klientin erinnern, eine, die besonders bewegend war, beglückend, befreiend oder auch schmerzhaft. Es sollte eine Sitzung sein, die ihn oder sie weitergebracht und etwas gelöst hat. Imaginativ sollten alle in diese Erinnerung hineingehen, so detailliert und emotional, wie sie es wollten.  In einem nächsten Schritt sollten sie an ihr damaliges Ich einen Brief schreiben, mit all den Erfahrungen und Reifungen, die seitdem geschehen sind. Wichtig ist der Hinweis: Diese Briefe sollen nicht öffentlich vorgelesen werden. Sie sind nur für einen selbst bestimmt. Die Idee dahinter: Wir können besonders überzeugend von den Dingen sprechen, die uns selbst berührt haben. In einem weiteren Schritt sollten sie auf der Grundlage dieser Erfahrung einen Minivortrag halten, der beschreibt, was Bioenergetische Analyse ist und bewirkt. Dabei ist die Beschränkung auf ein Thema essentiell. Aus der Arbeit an vielen Ansprachen und auch durch das Hören vieler Reden habe ich gelernt: Wer alles sagen will, läuft Gefahr, letztlich nichts zu sagen (oder nicht wirklich gehört zu werden). Der Reiz einer Rede ist, bei einem Thema zu verweilen und dort einige Tiefenbohrungen zu machen. 

 

Die Ergebnisse haben wir einander vorgestellt und im kollegialen Austausch beraten. Herausgekommen sind Texte wie dieser:

  • Wenn die Seele vom Schmerz überschwemmt wird, muss sie sich schützen. Die Strategie ist genial: Der Mensch wird starr. Die Atmung wird flach. Er ist wie eingefroren. Der Schmerz wird heruntergekühlt, bis er nicht mehr gefühlt wird. Das kann über viele Jahre so ausgehalten werden. Der Preis ist hoch. Denn mit dem Schmerz frieren auch andere Gefühle ein. Manche müssen das schon als kleine Kinder erleben. Das gefrorene Kind tragen sie dann als Erwachsene in sich. Ein solches Kind braucht Wärme. In der Therapie kann es sie bekommen. Das Verrückte ist: Gefrorene Kinder wehren sich gegen die Wärme. Wo lange Eingefrorenes wieder auftaut, da taucht auch der alte Schmerz auf. Da kann eine körperliche Berührung zu viel sein. Innere Bilder können einen Weg bahnen: Behutsam das gefrorene Kind aus einer Eisspalte befreien, es mit Wärme einhüllen – mit nicht zu viel Feuer, eher mit einer wohltemperierten warmen Decke. Und dann: Zusammen mit der erwachsenen Klientin der Liebe Raum geben – zu dem Kind, das sie einmal war. Schritt für Schritt. Dann fängt vielleicht der Bauch ein wenig zu zucken an oder die Beine beginnen zu vibrieren und Tränen finden ihren Weg. Leben kehrt zurück. Auch das ist Bioenergetik.

Doris Joachim-Storch ist Pfarrerin und Referentin für Gottesdienst im Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Eine ausführliche Darstellung des Konzeptes „Körperorientierte Spracharbeit“ findet sich unter www.zentrum-verkuendigung.de