Bioenergetische Analyse in der Schule?!

Die Integration Bioenergetischer Konzepte in den Schulalltag

von Jutta Gewahl

Gleich vorneweg: selbstverständlich ist in der Schule keine Therapie möglich und v.a. auch nicht gewünscht. Aber das Verständnis vom Menschsein im Sinne der Bioenergetischen Analyse kann auf der Grundlage ihrer Konzepte und Grundannahmen - außerhalb des therapeutischen Rahmens – im Schulalltag integriert werden. In welcher Form?

Auf der einen Seite durch das bewusste Sein des Pädagogen und auf der anderen Seite durch die Integration einiger Konzepte der BA in die Förderung der SchülerInnen.

1. Konzept MenschSein - BewusstSein

Als Lehrerin stelle ich mich facettenreich dem Spagat zwischen Mensch Sein und der Rolle der Lehrerin als Wissenserweitererin in Kombination mit Controlling. Ebenso nehme ich die Schüler umgekehrt als Lehrerin wahr, die mich in meiner Entwicklung als Lehrerin und Mensch voranbringen. Ich erkenne die variantenreichen Rollen der Gesellschaft in unterschiedlichen Lebensabschnitten an und lasse mich darauf ein.

Dieses Konzept der BA erlaubt mir auch als Lehrerin menschlich zu sein. In dem Sinne Mensch zu sein, dass ich zu dem stehen kann, was mich als Individuum ausmacht. Das kann umso besser gelingen, je mehr ich meine inneren, emotionalen Prozesse, meine Ego-States, meine Wirkung auf andere, meine Verhaltens- und Handelsweisen, meine emotionalen Verletzungen und Wunden, meine spontanen Reaktionen in Stresssituationen u.v.m. kenne.

2. Konzept Atmung – Vitalität

Die Lebendigkeit der SchülerInnen wecken, zulassen und stärken. Idealistischer formuliert. Die Augen der SchülerInnen leuchten zu lassen, ist mir ein großes Anliegen. Im Kontext des pubertär schulischen „Coolsein-Müssens“ kreiere ich Situationen und kurze Momente im Unterricht, in denen die emotionalen und körperlichen Schutzhaltungen in Bewegung kommen dürfen.

Das ist konkret durch körperliche Aktionen im Unterricht möglich. Seien es Methoden, in denen die SchülerInnen sich nach ihren eigenen Wünschen im Klassenzimmer frei bewegen können oder auch einfache Bewegungsfolgen, -spiele und Lockerungsübungen zwischendurch. Singen in Bewegung ist v.a.  im Musikunterricht eine wunderbare Möglichkeit zur Lebendigkeit zu gelangen. In  Bewegung sein und gleichzeitig lernen, wiederholen und üben ist in allen Unterrichtsfächern möglich. Viele Jugendliche empfinden durch die Bewegungsfreiheit während des Unterrichts eine emotionale Freiheit. Meiner Meinung nach legt erst diese emotionale Freiheit die Grundlage für ein vitales, lebendiges und somit entspanntes Lernen im Schulalltag mit all den Vorgaben.

3. Sich wahrnehmen und ausdrücken – mit Hilfe von Musik

Die obigen Konzepte 1 und 2 habe ich am kollegialen Wochenende im Vortrag vorgestellt, unterstützt durch ein Video, dass ich zuvor zusammen mit einer 10. Klasse im Musikunterricht erstellt hatte. Die Schülerinnen und Schüler wussten, für welchen Zweck ich den Film drehen wollte und hatten sichtbar Freude an der Produktion. Dort hatte ich die Konzepte für das Setting im Schulunterricht angepasst. Meine Idee war, das, was ich mit den Schülerinnen und Schülern gemacht habe, nun auch mit den therapeutischen Kolleginnen und Kollegen auszuprobieren, nämlich: Sich wahrnehmen und Empfindungen und Gefühlen stimmlich-musikalisch Ausdruck zu verleihen.

Sie erinnern sich? Während der Pubertät werden vielen der Körper und die eigene Stimme fremd. Und es ist schwieriger, sich mit diesen auszudrücken als als Kind. Für einen Teil der Erwachsenen gilt dies auch später noch. Die Chance, sich während der schwierigen Umbruchphase trotzdem über Stimme und Körper auszudrücken, sollten wir als LehrerInnen den SchülerInnen ermöglichen. Es lebe die Lebendigkeit und Vitalität! Auch bei den bioenergetischen Therapeutinnen und Therapeuten.

 

In einer ersten längeren Übungsfolge lagen alle am Boden und sollten den Tonfolgen und Klängen von „Fly me tot he Moon“ (von Frank Sinatra) lauschen, von mir am Klavier improvisiert. Wie immer in der Bioenergetik lag der Fokus bei der tiefen Atmung und darauf, sich mit Hilfe der Musik sinken zu lassen. Nach einer Weile forderte ich die Gruppe auf, mit der Ausatmung irgendeinen Ton zu machen. Jede und jeder sollte sich mit den eigenen Tönen als Individuum in der Gruppe wahrnehmen. Die Akkordfolgen des Liedes habe ich mit der Zeit variiert. Die Gruppe passte ihre eigenen Töne und Tonfolgen spontan an. Unterstützt durch das Klavier habe ich dann zu einem Spiel mit Dynamik, Tonhöhe und Geschwindigkeit eingeladen. Dabei geht es nicht um Richtig oder Falsch, sondern um das Erleben der eigenen Person und um den Kontakt mit den anderen im Raum.

Ähnlich arbeite ich auch mit Schülerinnen und Schüler. Jedoch erlaubt das Setting im schulischen Musikunterricht das Liegen am Boden natürlich nicht. Das Tönen zu den Klängen führe ich einfach im Stehen durch.

Alle stehen nun im Kreis, die Rücken zeigen nach innen. Zur selben Musik wie oben lassen sich alle in leichte Bewegung versetzen, wie Bäume sich leicht im Wind wiegen, mit den Füßen fest verwurzelt. Nun wird die Melodie des Liedes gesummt, dazu einige Harmonietöne. Nach einer Weile fordere ich auf, dass sich alle langsam rückwärts gehend aufeinander zu bewegen. Dabei ist es immer interessant, welch ein Gebilde am Schluss entsteht. Die Schulklasse z.B. stand am Ende wie ein großer Klumpen da. Die Therapeutinnen und Therapeuten bildeten einige Paare oder auch Dreiergruppen, die Rücken an Rücken standen. So ist es immer spannend, sich anschließend über die Erfahrungen auszutauschen.

In einer zweiten Übungsfolge ging es dann etwas lebhafter zu. Im Mittelpunkt stand das Lied von Michael Jackson aus den 80er Jahren „We are the World, we are the children“. Das Besondere dieses Liedes ist, dass es damals von sehr unterschiedlichen großen Stars gesungen wurde und zur Verantwortung für sich, für andere und diesen Planeten aufruft. Es eignet sich generationenübergreifend sehr gut für die Erprobung stimmlichen und emotionalen Ausdrucks sowie dazu, durch das Hineinsingen von Über- oder Unterstimmen und durch Solopartien sich zu exponieren, zu zeigen und einen Standpunkt zu vertreten. Zu solistischen Einlagen konnten sich die Therapeutinnen und Therapeuten – im Gegensatz zu den Schülerinnen und Schülern – nicht so recht hinreißen lassen. Aber sie hatten große Freude darin, sich mit weiteren Stimmen in verschiedenen Lagen und Lautstärken auszuprobieren und auch den Körpern zu erlauben, sich der Musik hinzugeben. Auch hier ging es nicht darum, richtig zu singen, sondern den Mut zu finden, sich stimmlich auszudrücken. Da hatten alle sichtbar viel Spaß. Am Ende nahmen wir unsererseits ein Video dieses Liedes auf, um es den Schülerinnen und Schülern zukommen zu lassen. Und die freuten sich sehr, Erwachsene solchermaßen heiter zu erleben.